Mit der Kritik verzockt.

An meine Zeit bei der Bundeswehr habe ich viele Erinnerungen. Während meiner Ausbildung sind diese Erinnerungen gespickt mit herrlichen Abenden, die wir im Kameradenkreis gefeiert haben, an etliche Morgen, an denen wir kurz vor Landgangsschluss die Kaserne erreichten. Ich freute mich damals, endlich einen Dienstposten zu bekommen. Doch während meiner Ausbildung hatte sich die Bundeswehr verändert. Auslandseinsätze, sogenannte „einsatzgleiche Verpflichtungen“ oder Übungen. Überall musste mehr als 100% gegeben werden. Anstatt seine restliche Zeit abzusitzen, war es eine Zeit voller Herausforderungen und Entbehrungen, die über die derzeitigen Verhältnisse in der „normalen Welt“ weit hinausgehen.
Seitdem ich kein Soldat mehr bin und die Uniform gegen einen Anzug ohne Dienstgrad getauscht habe, treibt mich doch etwas dazu, mit einem Auge die Entwicklungen in den Streitkräften zu beobachten. Es wurde viel von Haltung und Einstellung gesprochen und viel von Cyber und Internet. Vieles nahm ich schulterzuckend zur Kenntnis. Gestern habe ich dann über den Aufschrei gelesen, der sich derzeit auf der Gamescom abspielt. Dort sind Plakate zu sehen, die provokativ eine Verbindung zwischen der Gamersprache und den Realismus militärischer Gegebenheiten herstellen.
Über den Inhalt und auch über die Streitkräfte im Allgemeinen kann man natürlich denken was man will, attribuiert man aber solche Kampagnen als geschmacklos und verharmlosend, entlarvt man sich selber, schneller als man denkt, als Heuchler. Denn die Funktion dieser Werbung ist die Auseinandersetzung mit der Realität. Und wer jemals gedient hat, der weiß, dass es nunmal „Multiplayer at its best“ bei der Bundeswehr gibt. Denn wenn die die Spielerunden vorbei sind und jeder sein Headset ablegt, dann ist im Kameradenkreis lange nicht Schluss. Es entstehen Freundschaften, die meist ein Leben lang halten. Man unterstützt sich, man steht für einander ein, und das nicht nur im beruflichen Alltag. Vielleicht entsteht aus diesem Unverständnis heraus dieses Misstrauen gegenüber der Bundeswehr.
Viel mehr störe ich mich jedoch an dem Vorwurf, solch eine Werbung, würde junge Leute in die Irre führen. Das ist nicht nur ein Indiz für eine unfassbare Arroganz und Selbstüberschätzung, sondern auch Ausdruck mangelnden Vertrauens gegenüber der jungen Generation. Müsste Bosch dann nicht in seinen Stellenangeboten damit werben, führender Hersteller von Abgasmanipulationssoftware zu sein, nur um die „jungen Leute“ nicht in die Irre zu führen. Oder die Bahn, dass sie Deutschlands unpünktlichstes Unternehmen ist? Die Liste ließe sich unendlich weiterschreiben.
Fakt ist, dass die Bundeswehr nach meiner Einschätzung genau das erreicht hat, was sie vorhatte. Man spricht über sie. Und wer Streitkräfte haben möchte, die in der Mitte der Gesellschaft stehen, der muss auch diesen Diskurs in die Mitte der Gesellschaft holen. Ich finde die Werbung jedenfalls äußerst gelungen. Denn wenn man sich mit der Botschaft auseinandersetzt, die die beiden von mir gesehenen Plakate transportieren sollten, dann muss ich, vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen, zugeben, dass sie eigentlich nur eines sind- zutreffend.
H.

2018-08-23T20:55:15+00:00